Methodenauswahl, Qualitative Sozialforschung und theoretische Einbettung

Methodenauswahl Das allgemeine Ziel der Forschung ist die Entwicklung und Überprüfung von Theorien. Im Gegensatz zu der quantitativen Forschung beschäftigt sich die qualitative Forschung weniger mit numerischen Daten, sondern viel mehr mit sprachlich vermittelten Daten (vgl. Bortz/Döring, 1995, S. 271 f.). Den Anfang einer jeden qualitativen Forschung macht jedoch die Beobachtung (vgl. Brüsemeister, 2009, S. 24). Bezugnehmend auf die vorliegende Hausarbeit war durch die einschlägige Literatur zu erkennen, dass es keine neue Idee war ein Studium mit Kind zu absolvieren. Jedoch fiel die Suche nach einem alternativen Weg den Kinderwunsch mit den angestrebten beruflichen Zielen zu vereinbaren ins Auge. Die Behauptung, dass die Zeit des Studiums die beste Phase für die Realisierung des Kinderwunsches sei, ebnete den Weg für weitere Fragen und dem Wunsch dieser Behauptung und den damit verbundenen Konsequenzen auf den Grund zu gehen. Das Untersuchungsfeld qualitativer Methoden beschränkt sich nicht auf die künstliche Situation in einem Labor, sondern will vor allem das Handeln und Interagieren der Subjekte in ihrem Alltag erleben und analysieren (vgl. Flick, 2007, S. 27). Im Falle dieser Hausarbeit im Rahmen meines Studiums an der Fernuniversität Hagen sind die interagierenden und handelnden Subjekte die Frauen, welche die Gründung einer Familie in die Zeit des Studiums verlegt haben. Um sich den entscheidenden Faktoren für eine gelungene Umsetzung der beruflichen Vorstellungen zu nähern, wurde eine Befragung nach A. Witzels (2000) problemzentriertem Interview gewählt. Die Analyse der Daten erfolgt durch die „Grounded Theory“ nach Strauß und Corbin (1996). Qualitative Sozialforschung Wesentliche Merkmale der qualitativen Sozialforschung sind laut Flick (2007) die Gegenstandsangemessenheit von Methoden und Theorien, sowie die Berücksichtigung und Analyse unterschiedlicher Perspektiven. Genauso zeichnet das Eindringen in die Tiefenstruktur sozialer Wirklichkeit und die Offenheit für die Erfahrungen der Menschen die Methode der qualitativen Sozialforschung aus (vgl. Mikos/ Wegener, 2005, S. 10). Laut Strauß und Corbin (1996) gibt es in der qualitativen Sozialforschung drei Hauptbestandteile: - Daten - analytische/interpretative Verfahren - schriftliche/mündliche Berichte Die erwähnten Daten entstammen den verschiedensten Quellen. Interviews und Beobachtungen im Feld stellen jedoch die gängigsten Daten dar. Um zu neuen Theorien oder Befunden zu gelangen werden analytische oder interpretative Verfahren genutzt. Im Zuge dieser Hausarbeit wird im Folgenden noch näher auf die hier angewandte „Grounded Theory“ nach Strauß und Corbin eingegangen und in diesem Bereich nur am Rande erwähnt. Die qualitative Sozialforschung kann Auskunft über die Motive und Strukturen verschiedener Phänomene liefern, da sie mit ihren Verfahren den Alltag und die Lebenswelt der Menschen „von innen heraus“ zu verstehen sucht. Die Methoden werden den Fragestellungen und zu untersuchenden Gegenständen angepasst (vgl. Mikos/Wegener, 2005, S. 10). Auch vor wissenschaftlichen Forschungsmethoden macht der Fortschritt nicht halt und somit ist auch im Bereich der qualitativen Sozialforschung das Internet als Forschungsgegenstand zu nennen. Kommunikative Beziehungen können jenseits von zeitlicher und räumlicher Präsenz geführt werden. Allerdings ist eine relativ umfassende Erfahrung mit Computern, Software und den Formen der Online-Kommunikation von Nöten, um eine Online- Forschung in Betracht zu ziehen (vgl. Flick, 2007, S. 335). Der qualitative Forscher kann nur mittels kommunikativer Beziehungen die soziale Welt und die Bedeutung der Subjekte erschließen (vgl. Früh, 2000, S. 2). Die qualitative Sozialforschung berücksichtigt auch die non-verbalen Aspekte der Kommunikation. Das erfolgreiche Gelingen der Datenerhebung per Interview beruht auf einem mehr oder weniger spontanen Dialog zwischen Interviewer und Interview-Partner. Dem Austausch „face-to-face“ am nächsten kommt eine Interview-Situation per Chat. Fragen und Antworten können ausgetauscht werden, während beide zur gleichen Zeit online sind (Flick, 2007, S. 336 f.). Die Grenzen dieser Befragungsmethode sind in Hinsicht auf die non-verbale und paralinguistischen Anteile der Kommunikation aufzuzeigen. Diese lassen sich nur schwerlich darstellen und analytisch mit einbeziehen. Hilfreich ist diese Methode jedoch bei Interview-Partnern, die schwer zu erreichen sind oder die aus persönlichen Gründen eine „face-to-face“ – Situation ablehnen. Ebenso kann die gegebene Anonymität von Vorteil sein. Desweiteren fällt der zeitraubende Schritt des Transkribierens weg (Flick, 2007, S. 340). Theoretische Einbettung Die theoretische Rahmung des zu erarbeitenden Forschungsthemas sieht die Erstellerin dieser Hausarbeit in der Individualisierungstheorie nach Ulrich Beck und in den akteurtheoretischen Ansätzen nach Uwe Schimank. Die traditionellen Vorgaben für die Biographie der Menschen haben mehr und mehr an Bedeutung verloren. Jeder Mensch kann seinen Lebensweg selbst zeichnen, aus der „Normalbiographie“ wurde die „Wahlbiographie“. Dieser Wandel lässt sich mit Beck-Gernsheim (1983) auf die Formel „Dasein für Andere“ zum „Anspruch auf ein Stück eigenes Leben“ beziehen. Der Begriff der Individualisierung stammt aus der Soziologie und bezeichnet einen mit der Industrialisierung und Modernisierung der westlichen Gesellschaften einher-gehenden Prozess eines Übergangs des Individuums von der Fremdzur Selbstbestimmung (vgl. Beck, 2008, S. 326). Diese Selbstbestimmung ist es auch, die studierenden Frauen mit Kinderwunsch Wege zu alternativen Lebensverlaufsformen möglich macht. Die persönliche Biographie wird zunehmend aus vorgegebenen Fixierungen herausgelöst und somit Gegenstand individuellen Handelns. Lebenswege, die in traditionellen Gesellschaften durch Statusmerkmale – etwa Geschlecht, Nation, Hautfarbe, soziale Herkunft, Besitz bzw. Nichtbesitz an Grund und Boden – detailliert festgelegt waren, fallen in der Moderne in den Entscheidungsbereich eines jeden einzelnen Individuums. Das bezieht sich insbesondere auch auf Schulabschlüsse, oder auf die individuelle Berufswahl (vgl. Beck, 1986, S. 58). Schimank typisiert vier Akteurmodelle: den rational-handelnden Homo Oeconomicus, den an sozialen Normen ausgerichteten Homo Sociologicus, den affektuell handelnden „emotional man“ und letztlich den Identitätsbehaupter, der sein Handeln am eigenen Selbstbild orientiert (vgl. Schimank, 2002). Das Modell des Homo Sociologicus ist in erster Linie durch ein Streben nach Erwartungssicherheit geprägt. Diese Erwartungssicherheit wird dem Akteur durch normative Handlungsorientierungen geliefert. Handlungen im Rahmen dieses Akteurmodells sind hier vor allem Rollenhandlungen, denn in ihnen repräsentiert sich Erwartungshandeln. Letztlich orientieren sich die Erwartungen sowohl an der Bezugsgruppe als auch an der Internalisierung. Unter Internalisierung ist die Selbstwahrnehmung der Rollenerwartung durch den Akteur zu verstehen (vgl. Schimank, 2002, S. 69). Im Zusammenhang mit der vorliegenden Arbeit bezieht sich das Akteurmodell des Homo Soziologicus auf die Frau, die sich für die Gründung einer Familie entschließt. Die befragten, betroffenen Frauen sehen sich in erster Linie in ihrer Rolle als Mutter und in zweiter Linie Studentin bzw. im späteren Lebensverlauf als Berufstätige. Ein weiteres, mit der theoretischen Rahmung dieser Forschungsarbeit in Verbindung stehende, Akteurmodell ist der Identitätsbehaupter. Schimank selbst gesteht an dieser Stelle ein, dass dieses Akteurmodell noch nicht vollständig ausgearbeitet ist. Dennoch sollte hier die Identität als Selbstbild begriffen werden, das sich sowohl aus evaluativen Selbstansprüchen, als auch aus normativen Selbstansprüchen, welche das Gewissen des Akteurs widerspiegeln, zusammensetzt (vgl. Schimank, 2002, S. 121-143). So wollen Frauen, welche sich für den alternativen Weg des Studiums mit Kind entscheiden, sowohl ihre klassische Rolle als Mutter erfüllen, aber dennoch beruflich auf eigenen Beinen stehen und ihren eigenen beruflichen Weg einschlagen. Ein Mensch wird motiviert zu handeln, wenn er mit aktuellen oder antizipierten Identitätsbedrohungen konfrontiert wird. Das kann z. B. die vermutete oder bereits stattfindende Entindividualiserung (z.B. die klassische Rolle der Mutter und Ehefrau), die durch Rollenzwänge eingeläutet wird, aber auch eine unmittelbare Existenzbedrohung der Person sein (vgl. Schimank, s. o.).

25.1.11 10:15

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